Engel und Götter?

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Am Fest der heiligen Erzengel Michael, Gabriel und Rafael (29. September) ist Psalm 138 als Antwortpsalm zur Lesung Dan 7,9–10.13–14 (bzw. zu Offb 12,7–12a) ausgewählt. Mit der Formulierung „Ich will dir danken aus ganzem Herzen, dir vor den Engeln singen und spielen“ wurde er traditionsgemäß als besonders passend angesehen und deshalb auch der Kehrvers des Antwortpsalms daraus entnommen. Man vergleiche als Beispiel für das traditionelle Verständnis nur einmal die Interpretation „Vor dem Angesicht der Engel“ (In conspectu angelorum) im Kapitel 19 der Benediktsregel (Regula Benedicti), wo es um „Die Haltung beim Gottesdienst“ geht.

Wenn es nun in der revidierten Einheitsübersetzung heißt: „vor Göttern will ich dir singen und spielen“, so ist das irritierend. Deutlich zeigt sich hier die Diskrepanz zwischen einer wissenschaftlich korrekten Übersetzung und dem liturgischen Verständnis und Gebrauch der biblischen Texte. Alle an der Erarbeitung des neuen Lektionars beteiligten Personen, von den Bischöfen bis zu den Redakteuren, waren sich einig, dass „vor Göttern“ beim Hören im Gottesdienst kaum richtig zu verstehen ist, sodass man weiter der traditionellen Übersetzung folgen sollte. Darum lautet der erste Vers von Psalm 138 in der Liturgie, wenn in der Lesung von Engeln die Rede ist, weiterhin: „Ich will dir danken mit meinem ganzen Herzen, dir vor den Engeln singen und spielen.“

Albert J. Urban

Albert Urban ist Geschäftsführer des Deutschen Liturgischen Instituts in Trier und Herausgeber zahlreicher Nachschlagewerke.

Quelle: Gottesdienst. Zeitschrift der Liturgischen Institute Deutschlands, Österreichs und der Schweiz, 2019, Heft 5, S. 57

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